Nation und Nationalität

Die Identitätsentwicklung gilt als zentrale Aufgabe in der Adoleszenz – Selbstfindung ist das Thema des Jugendalters. Neben individuellen biografischen Merkmalen, die sich zu einer einzigartigen Persönlichkeitsstruktur verdichten, spielen dabei auch soziale Leitbilder und Gruppenzugehörigkeiten eine Rolle. In diese Kategorie fällt v. a. auch die Nationalität. Umgekehrt sind Zugehörigkeitsgefühle und eine emotionale Identifikation auch wesentliche Bausteine nationaler Identität.

Die in der SINUS-Jugendstudie 2016 dazu gestellte Forschungsfrage war, welchen Zusammenhang es heute, in einer globalisierten und international vernetzen Welt, zwischen nationaler und persönlicher Identität gibt.  Speziell für die Einwanderungsgesellschaft Deutschland schließt sich die Frage an, wie eine solche nationale Identität heute aussehen könnte. Fühlen sich die 14- bis 17-Jährigen in der Lage, eine deutsche nationale Identität zuzulassen, oder ist für sie vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit eine ungebrochene Identifikation nach wie vor schwierig? Wird die neue Vielfalt des Landes, in dem Migration zum Normalfall geworden ist, von den Jugendlichen akzeptiert – und hat sich in der jungen Generation evtl. bereits ein entsprechendes neues Leitbild entwickelt?

Neuere Erhebungen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen sich wieder positiv zur eigenen Nation bekennt. Und es zeigt sich auch, dass eine Mehrheit unter den Deutschen mit Migrationshintergrund in Umfragen angibt, sich „deutsch“ zu fühlen. Aber was heißt das überhaupt – „Deutsch-Sein“, was verbirgt sich hinter den Begriffen Nation und Nationalität und worauf könnte ein positives Nationalbewusstsein beruhen? Das haben wir in den mit den Jugendlichen geführten offenen Interviews exploriert.

Speziell mit Blick auf Jugendliche mit einem Migrationshintergrund war die Frage, ob es ihnen gelingt, ethnische und nationale Identität miteinanderzu verknüpfen – und ob sie dieses Ziel überhaupt haben. Nationale Identität ist aus Sicht von Migranten das Gegenstück zur ethnischen Identität und hat als Bezugspunkt das sogenannte Aufnahmeland. Diese Identitätsformen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich in einem Idealfall, den wir als Integration beschreiben, gegenseitig.