Glaube und Religion

Wie in vielen anderen Lebensbereichen hat auch im Hinblick auf Glaube und Religion in den letzten Jahrzehnten eine Pluralisierung stattgefunden. Das Spektrum religiöser Gemeinschaften hat sich innerhalb des Christentums (z. B. Freikirchen, charismatische und evangelikale Gruppierungen), aber auch durch die Verbreitung nichtchristlicher Religionen, v. a. des Islam, in Europa enorm erweitert. Hinzu kommen nicht unmittelbar religionsgebundene Formen der Spiritualität.

Schon die SINUS-Jugendstudien 2008 und 2012 haben zum Themenkomplex Glaube, Religion und Kirche gezeigt, dass Jugendliche ein Bedürfnis nach Sinnfindung haben, dieses jedoch häufig als „religiöse Touristen“ mit einem individuell zusammengestellten Patchwork befriedigen. Sie finden den gesuchten Sinn also heute nicht mehr zwingend in einer Religion oder Kirche, sondern sie entwickeln aus verschiedenen Quellen einen „persönlichen Glauben“. Dieser Glaube ist für Jugendliche veränderbar und individuell, während Religion und Kirche eher als institutionell und damit unbeweglich wahrgenommen werden. Trotzdem gehört nach wie vor die Mehrheit junger Menschen in Deutschland einer Glaubensgemeinschaft oder Kirche an. Konfessionslos sind laut der aktuellen Shell-Jugendstudie nur 23% der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland.

Seit Erscheinen der letzten SINUS-Jugendstudie gab es zahlreiche Ereignisse rund um Glaube, Religion und Kirche. Man denke hier nur an den historisch einmaligen Rücktritt von Papst Benedikt und die Wahl von Papst Franziskus im Jahr 2013. Schon kurze Zeit später löste der Veruntreuungsskandal um den damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst eine breite Diskussion über die Strukturen und Vermögensverhältnisse der katholischen Kirche aus. Für Jugendliche, die sich in der evangelischen Kirche engagieren, sind die ersten Vorzeichen des Lutherjahres 2017 erkennbar, mit dem 500 Jahren Reformation in Deutschland gedacht wird.

Vor allem durch die Terroranschläge von Al Qaida und spätestens seit 2013 durch die kriegerischen Aktivitäten des sogenannten „Islamischen Staates“ in Syrien und dem Irak ist die Diskussion über den Islam und verschiedene Formen des Islamismus wiederbelebt worden. In Dresden gründete sich 2014 die rechtspopulistische Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida), in der sich sehr deutlich islamophobe und fremdenfeindliche Tendenzen zeigen. Die Terroranschläge in Frankreich im Januar und November 2015 markieren einen neuen negativen Höhepunkt von Gewalt, die vordergründig im Namen einer Religion verübt wird und erhebliche Konsequenzen für den Umgang mit religiöser Vielfalt hat. Besondere Relevanz hat diese Entwicklung mit Blick auf die wachsende Zahl Geflüchteter verschiedener nationaler, kultureller und religiöser Herkunft in Deutschland und die damit verbundene große Herausforderung der kommenden Jahre, einen erfolgreichen Umgang mit dieser v. a. religiösen Vielfalt zu bewerkstelligen.

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse war ein Auftrag der aktuellen Studie, erneut nach Glaube und Religion im Alltag junger Menschen zu fragen. Dabei richtet sich der Blick zunächst auf die eigene Zugehörigkeit zu Glaubensgemeinschaften und die Frage, wie stark die Bindung in diesem Bereich ist und worauf sie sich stützt. Ebenso wurden die Jugendlichen dazu befragt, ob und wie sich Glaube und Religion in ihrem konkreten Alltag äußern und was es für sie bedeutet, den eigenen Glauben zu leben. Dabei werden auch Unterschiede zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen beleuchtet.

Aufgrund der beschriebenen aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen liegt bei der diesjährigen Studie ein besonderer Fokus auf dem Umgang der Jugendlichen mit religiöser Vielfalt. Gefragt wurde nach der religiösen Vielfalt im persönlichen Umfeld (v. a. im Freundeskreis), dem alltäglichen Austausch über Religion sowie nach konkreten Berührungspunkten mit anderen Religionen. Ein weiteres Interesse galt der Frage, ob und wie Jugendliche religiöse Konflikte wahrnehmen, wie sie diese bewerten und inwiefern diese einen Einfluss auf ihren persönlichen Glauben sowie ihre grundsätzliche Einstellung zu Glaube und Religion haben.