Mobilität - ein verflucht spannendes Themenfeld

Organisierte und öffentliche Mobilität gibt es seit mehreren Jahrhunderten. Die Sänftenträger in Dresden und Leipzig im 18. Jahrhundert symbolisieren in gewisser Weise die ersten öffentlichen Verkehrsorganisationen. Über die Postkutschen im Wilden Westen, die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, das erste Automobil, die Pferdekutschen in den Städten bis zu den ersten mit Benzin angetriebenen Bussen und den elektrischen Straßenbahnen Ende des 19. Jahrhunderts und den ersten Passagierflugzeugen Anfang des 20. Jahrhunderts zieht sich das Erwachsenwerden dessen, was heute mit dem Begriff der „Mobilität“ bezeichnet wird.

Alle acht bis zehn Jahre wird in der Studie „Mobilität in Deutschland“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) die Verkehrsmittelwahl der verschiedenen Altersgruppen erhoben. 2008 haben die 14 bis 17-jährigen jungen Menschen in den Städten ihre Wege zu 75% mit dem sog. „Umweltverbund“ aus Bussen, Bahnen, Fahrrad und Zu-Fuß-Gehen absolviert. In den ländlichen Regionen immerhin noch zu 65%. Verwunderlich ist das natürlich nicht, denn Fortbewegung mit dem Auto ist für diese Altersgruppe eigenständig ja noch so gut wie nicht möglich. Da sind die Jugendlichen schon weitgehend auf Mitfahrgelegenheiten von Eltern und Freunden angewiesen.

Die Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft, die wir seit Anfang des 21. Jahrhunderts erleben, verändert nachhaltig und fundamental Strukturen, Angebote, Konsum und die Kultur von Mobilität. Seitdem Steve Jobs 2007 das erste iPhone präsentierte, hat das Smartphone partiell das Auto als Statussymbol bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen verdrängt. Das Auto in der Stadt war plötzlich nicht mehr das Symbol der Freiheit, sondern ein platzraubendes, lästiges und teures Ding. Laut Mobilitätspanel hat sich in der Altersgruppe der 26 bis 35-Jährigen der Führerscheinbesitz seit 2008 verringert. Auch die Zahl der Jüngeren, die zwar einen Führerschein besitzen, aber kein Auto mehr im Haushalt haben, ist gestiegen.

Digitalisierung und Smartphone ermöglichen eine Entwicklung des „always on“. Die Nutzer können permanent online sein und sind dadurch, wie viele andere „Dinge“, prinzipiell ständig lokalisierbar. Dieser Umstand hat weitere Mobilitätsdienstleistungen hervorgebracht, wie beispielsweise das Freefloating-Carsharing und das stationslose und stationsbasierte Bikesharing. Der Nutzer erhält über seine Smartphone-App Informationen, wo er das nächste freie Fahrzeug finden kann. 

Auch für den öffentlichen Personenverkehr mit Bahnen und Bussen im Nah-, Regional- und Fernbereich stehen zwischenzeitlich viele netzbasierte Informations- und Buchungsportale sowie Apps zur Verfügung. Der Nutzer kann sich hier nicht nur über die verschiedenen Verkehrsträger, deren Angebote und Kosten informieren, sondern er hat auch die Möglichkeit, seine Reisen hier direkt zu buchen und zu bezahlen – und zwar für die gesamte Mobilitätskette, die er benötigt, um zu seinem Ziel zu gelangen. Auch das sog. E-Ticket, das elektronische Ticket, ist nur denkbar in der digitalen Welt.

Der öffentliche Personennahverkehr in den Städten befördert jährlich über zehn Milliarden Fahrgäste. Mittlerweile bietet er in vielen Städten in einem Angebots-Verbund viele ergänzende Mobilitätsdienstleistungen an, meist in Kooperation mit verschiedenen privaten und öffentlichen Dienstleistern. Diese „multimodale“ Mobilität wird den Verkehr in den Städten und auf dem Land in den kommenden Jahren weiter verändern. Die Digitalisierung spielt hier einen wichtigen Taktgeber. Neben der industriellen Produktion (Stichwort „Industrie 4.0“) sind Verkehr und Mobilität tatsächlich die Lebensbereiche, die für die Digitalisierungsstrategien ein lohnenswertes Experimentierfeld sind (Stichwort „Autonomes Fahren“).

Auch für alternative Antriebe bringen die digitalen Möglichkeiten enorme Entwicklungsschübe mit sich. Das zeigt sich beim Automobil, zunehmend aber auch im öffentlichen Personenverkehr. Ganze Busflotten werden mit Hybridantrieben und reinen Elektroantrieben ausgestattet. Das entlastet nicht nur die Umwelt nachhaltig, sondern bringt neue Dynamik und Attraktivität für die Verkehrsunternehmen. Oft wird in diesem Kontext ja viel zu wenig berücksichtigt, dass gerade die Unternehmen mit Straßenbahn, Stadtbahn und Eisenbahn die „Erfinder“ elektrischer Mobilität sind. Schließlich machen sie das schon seit mehr als 130 Jahren. Ein reicher Erfahrungsschatz.

Für die Lebensqualität in den Städten und Ballungsräumen werden der Ansehensverlust des Autos und der Rückgang individueller Automobilnutzung ein relevanter Aspekt sein. In Kombination mit vielseitigen, multimodalen Mobilitätsangeboten für den Nah-, Regional- und Fernbereich wird Verkehr tatsächlich ein Stück weit neu erfunden.

(Text: VDV-Akademie: Michael Weber-Wernz, Till Ackermann)

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