"Digitale Kompetenz ist nicht angeboren."

Christian Hahn koordiniert die Arbeit zum Thema Digitale Bildung bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Im Interview spricht er u.a. über digitale Chancengleichheit und freies WLAN in der Schule.

Freier Zugang zu Informationen und Wissen für alle - warum geht diese Internet-Utopie nicht auf?
Bei dem „für alle“ muss man zunächst danach fragen, wie es denn tatsächlich mit der Zugänglichkeit aussieht. Nicht nur im Hinblick auf die technischen Zugänge, sondern v.a. auch auf Kompetenzen.

Aber der technische Zugang schließt doch unter Jugendlichen heute niemanden mehr aus.
Da muss man genau hinschauen. Klar, im Prinzip hat jeder Jugendliche heute Zugang zum Internet. Aber wann das schnelle Datenvolumen auf dem Handy ausgeschöpft ist, hängt dann doch wieder mit dem Geldbeutel zusammen. Oder auch mit dem Standort - wie schnell ist das Internet für den, der im  ländlichen Raum zu Hause ist. Ungleichheit gibt es also sicherlich noch, von den Zugängen in den Schulen und Klassenzimmern mal ganz zu schweigen.

Wie meinen Sie das? Always on – auch in der Schule?
Ich würde unterschreiben, dass es Schulen gut tun würde, wenn dort jeder über kostenloses WLAN mit seinem Gerät online gehen könnte. Das scheitert aber häufig schon an rechtlichen Bedenken, an der Infrastruktur oder fehlenden Administratoren. Aber ein sinnvolles Ziel ist das auf jeden Fall, damit Kinder und Jugendliche in der Schule das Internet nutzen können, unabhängig von dem, was ihre Eltern sich leisten können.

Inwiefern hängt dieses Ziel mit dem Begriff Digitale Bildung zusammen?
Zunächst mal kann Bildung an sich ja eigentlich nicht digital sein, das ist also in erster Linie ein politisches Schlagwort. Gemeint ist, dass auch das Bildungssystem den digitalen Wandel in der Gesellschaft nachvollzieht. Also einerseits der Einzug von digitalen Methoden in den Bildungsalltag, d.h. neue Lernformen, neue Lehrformen, neue inhaltliche Formen, die sich durch den Einsatz digitaler Medien eröffnen. Es geht aber auch um den reflektierten und kreativen Umgang mit digitalen Medien über eine bloße Nutzung hinaus. Das ist eine neue Kulturtechnik, die – genau wie Lesen, Schreiben und Rechnen – erlernt werden muss. Digitale Kompetenzen werden zu einer Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit. Kinder und Jugendliche brauchen sie, um den digitalen Wandel mit gestalten zu können.

Welche zusätzliche Dynamik hat die Digitalisierung in das Thema Chancengleichheit gebracht?
Da finde ich einen Aspekt sehr spannend. Der Begriff der „Digital Natives“ suggeriert, dass junge Menschen durchweg viel mehr davon verstehen als Erwachsene. Dabei beschreibt er erstmal nur, dass jemand ins digitale Zeitalter hinein geboren ist und nicht, dass digitale Kompetenzen angeboren werden. Beim Blick auf die Unterschiede zwischen den Generationen, geraten die Unterschiede innerhalb der jungen Generation leicht aus dem Blick. Und das finde ich in dem Themenfeld besonders gefährlich.

Und dann ist digitale Bildung inzwischen der Klassiker bei Kompetenzen, die man außerhalb von Schule erwirbt und bei der damit die Abhängigkeit von individuellen Voraussetzungen besonders groß ist.

Wen sehen Sie denn in der Verantwortung, wenn Schulen diese Kompetenzvermittlung offenbar nicht leisten können?
Aktuell gibt es viele Akteure im non-formalen außerschulischen Bereich, die diese Lücken füllen. Das ist gut so und gehört wertgeschätzt. Aber ich sehe da auch das formale Bildungssystem in der Verantwortung, weil Schulen die einzigen sind, die alle erreichen. Was vielerorts schon an guter Praxis vorhanden ist, muss in die Breite getragen werden. So lässt sich das, was inzwischen in vielen Lehrplänen steht, auch wirklich in die Praxis umsetzen.

Aber wie soll das funktionieren, dass Digital Immigrants oder sogar Outsider die Digitale Bildung von Digital Natives leisten?
Einerseits muss alles getan werden, damit Lehrkräfte sich nicht als Digital Outsider fühlen. Und dann ist die Frage, was denn die Rolle von Lehrkräften eigentlich ist. Müssen sie immer alles wissen oder geht es nicht vielmehr darum, dass sie das Lernen von Schülerinnen und Schülern begleiten. Dann kann auch das Wissen der Schüler als Stärke in Lernsettings eingebracht werden. Aber dazu braucht es Ermutigung für Lehrkräfte und sicherlich auch ein stückweit Fortbildung als sicheres Rüstzeug. Viele Lehrkräfte haben Erfahrung in der Reflexion von Medien unabhängig von technischen Fertigkeiten, die sie einbringen können.

Oft braucht es aber erstmal Überzeugungsarbeit, damit Hemmschwellen überwunden und digitale Medien im Unterricht nicht in erster Linie als Risiko gesehen werden.

Es gibt ja auch schon einiges an verwertbaren Forschungsergebnissen zum Thema.
Tatsächlich gibt es sehr viele Daten zu technischen Zugängen und Endgeräten und dazu, wie häufig bestimmte Medien im Unterricht eingesetzt werden. Interessant wäre aber die Perspektive der Kinder und Jugendlichen: Wie erleben sie den Einsatz und die Rolle von Medien in der Schule, was erwarten sie? Und welche Auswirkung hat der Einsatz digitaler Medien beim schulischen Lernen tatsächlich auf die Kompetenzentwicklung? Dazu gibt es noch nicht so viel, daher sind wir sehr gespannt auf die neue SINUS-Jugendstudie, um uns das Thema nach den einzelnen Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler anzuschauen.

Mehr unter https://www.dkjs.de/themen/digitale-bildung/ und https://www.think-big.org/

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