Bibel als Beatboxing - warum die Kirche (Jugend)milieuforschung braucht

Prof. Dr. Matthias Sellmann hat Anfang 2005 die Idee gehabt, dass auch die Kirchen Milieustudien beauftragen und aus ihnen lernen sollten. Diese Idee konnte er durchsetzen und verfolgt sie auch heute weiter. Er arbeitet als Professor für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum. Es ist ihm ein großes Anliegen, dass sich die Kirche mit ihren pastoralen und caritativen Angeboten vom Alltag der Menschen her, insbesondere der Jugendlichen, immer neu erfindet.

Sie waren maßgeblich beteiligt, als sich die katholische Kirche erstmals mit den Sinus-Milieus beschäftigt hat. Wozu braucht die Kirche Milieuforschung?
Die Kirche hat den Auftrag, Menschen untereinander und mit Gott in Beziehung zu bringen. Das funktioniert nur, wenn man versteht, was für den Einzelnen überhaupt das Menschsein ausmacht. In dieser Hinsicht ist die Milieuforschung für die Kirche ein wirklicher Durchbruch gewesen,. Das Detailwissen über kulturelle, ästhetische und poetische Präferenzen der Milieus ist für eine lernende Kirche extrem wichtig. Man kann nicht wissen, welche individuelle Bedeutung Gott für einen Menschen haben kann, bevor man nicht in seinen Mokassins gegangen ist, um das mal indianisch auszudrücken.

Es geht also erstmal um die Bedürfnisse der Menschen und nicht um die der Kirche?
Unbedingt, denn sie hat eben nicht den Auftrag, Menschen mit der Kirche in Kontakt zu bringen, sondern mit Gott. Das erfordert, Menschen nicht auf die Kirche zu beziehen, sondern umgekehrt. Genau das ist der Paradigmenwechsel, zu dem die Milieuforschung einlädt. Und so machen es andere Non-Profit-Organisationen und Firmen: Sie gehen sehr genau an den Lebensplänen ihrer potenziellen Kunden entlang, um die besten Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Kirche bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn sie von dieser Präzision und diesem Ehrgeiz etwas abschaut.

Soll Kirche sich dann als ein Dienstleiser neben anderen verstehen?
Nicht ganz. Religion ja nicht irgendein Kulturbereich neben anderen, sondern eine innere Kraft oder eine innere Haltung, die alles andere beeinflusst. Aber es geht hier nicht darum, ob Kirche etwas besser kann als andere.  Uns interessiert einfach, wie junge Menschen das Leben erleben, unter welchen konkreten Bedingungen sie aufwachsen, ob sie überhaupt so etwas wie Freiheit, Vertrauen, Kraft, Potenzialentfaltung als Wirklichkeit erfahren oder ob wir nicht erstmal den Auftrag haben, die elementaren Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie ihr Lebensprojekt entdecken und entfalten können. Wenn man Kirche dabei als guten Partner erlebt, dann ist uns das natürlich äußerst willkommen, aber wir fühlen uns dabei – zumindest von meinem Verständnis her – in einer guten, anspruchsvollen Konkurrenz mit anderen Kräften.

In einem Vortrag haben Sie neulich formuliert, die Aufgabe von Jugendpastoral sei es, jugendlichen Lebensmut zu fördern. Warum kann das kirchliche Jugendarbeit vielleicht besser als andere?
Nicht unbedingt besser als andere. Aber Kirche kann aus der Lebensweisheit der letzten Jahrhunderte so etwas anbieten wie geistliche Lebenskompetenz. Religion kann einen Beitrag zur mentalen Lebensgestaltung und -bewältigung leisten, indem sie jungen Menschen Ressourcen verschafft, damit sie ihre eigene Persönlichkeit, ihr Leben, ihre Zukunft, identifizieren und entwickeln, aber auch ihr Scheitern, ihre Ohnmachtserfahrung bewältigen können. Die Option Gott gibt einem mindestens einen Pfeil mehr im Köcher: Die Möglichkeit, aus der Beziehung mit ihm, also aus einer Art mystischer Erfahrung heraus Kräfte zu sammeln, die sich sehr präzise ansetzen lassen für die Lebensprobleme des Jugendalters. Ein Stichwort ist Resilienz. Kultivierter und mit anderen geteilter Glaube kann einen sehr widerstandsfähig machen gegenüber Erfahrungen des Scheiterns, wenn sich z. B. Ideale schon während des Jugendalters als nicht erfüllbar erweisen. Ich würde das Wort Lebensmut so nicht gebrauchen, weil ich es etwas altväterlich finde, aber es sagt etwas sehr Schönes. Es richtet sich auf’s Leben und es geht um Mut, also um Kraft, um Dynamik und darum, dieses Leben nicht als eine Art Schicksal annehmen zu müssen, sondern als einen Pfad, den ich selber bestimme und der sich unter meinen Schritten entwickelt.

Für welche jugendlichen Lebenswelten würden Sie sich bessere Angebote wünschen und wie könnten die konkret aussehen?
Grundsätzlich ist meine Vorstellung eine lernende Pastoral und weniger eine Angebotspalette, die dann am Ende doch versucht, Jugendliche in einen kirchlichen Rahmen zu bringen. Ich würde gerne von den besonderen Kulturtechniken junger Leute lernen, um miteinander herauszufinden, wie man es ausdrücken kann, dass man Gott sucht, dass man ihn findet, dass man mit ihm lebt oder inh vermisst.

Zwei Beispiele: Ich würde total gerne mal Jugendliche aus einer der experimentellen, kreativen Lebenswelten treffen, die mir bestimmte expressive Bibelstellen als Beatboxing vormachen. Oder Heiligengeschichten. Heilige haben oft sehr dramatische Biografien – wie würde das aussehen, wenn man das Leben von Edith von Stein als Beatboxing hört oder als Comiczeichnung darstellt?

Von Jugendlichen aus der prekären Lebenswelt würde ich gerne erfahren, wie sie ihren Alltag bewältigen. Welche Ressourcen sie aktivieren, um Erfahrungen des Scheiterns, der Ohnmacht und Benachteiligung zu verkraften. Wie schafft man es trotzdem positiv zu bleiben, sich zu motivieren, im besten Falle nicht in Aggression und Ressentiments zu verfallen?

Birgt das nicht die Gefahr von Beliebigkeit, wenn Kirche sich so sehr auf die individuellen Lebenswelten einlässt?
Das ist eine Frage des Selbstverständnisses. Wenn Sie mich als Theologen fragen, dann denke ich: Alles, was wir als Kirche machen, wirklich restlos alles, ist geronnenes Leben. Deshalb kann alles, was lebt, gar nicht in Widerspruch geraten zu dem, was wir als Kirche machen wollen.

Das Christentum hat in Jahrhunderten eine Menge Ideen und Weisheit angesammelt, aber die wird nur dann stark, wenn sie sich auf das Weisheitsgespräch mit anderen Entwürfen einlässt. Und nicht so tut, als sei sie immer die Beste, und am Ende müsste man zwangsläufig bei ihr ankommen. Das wäre ein arroganter Anspruch, der sicher sehr lange in der Luft lag, aber da belehren uns gerade die Zeiten, dass wir uns diese Arroganz sparen können.

Ich bin da sportlich drauf und glaube, dass die christliche Idee von Leben ziemlich robust ist. Es gibt keine Lebenspassage, zu der Christinnen und Christen nicht irgendeine Erfahrung gemacht haben. Unsere Leute gehen in Kinderhospize, d.h. sie gehen zu Eltern, die gerade ihr Kind verlieren. Da gibt’s nicht viele, die das machen. Ich will damit nicht protzen, aber ich will sagen, die christliche Lebenskunst hängt sich gerade in diese sehr schwierigen und sehr belastenden Dinge genauso rein wie in die ganz tollen und eleganten und brillanten. Deswegen glaube ich, müssen wir keine Scheu vor welchem Lebensentwurf auch immer haben.

Welche Bedeutung hat dabei Kirche als Institution?
Erst kommt Gott, und wenn der da ist, dann wird man sowieso eine Kirche aufbauen. Aber das wird eine völlig andere Kirche sein als die, die sich wichtiger nimmt als das, was Religion und Glaube wirklich ausmacht.

Ich wünsche mir als Ergebnis eine Kirche im lernenden Stil von Pastoral, wie ich ihn beschrieben habe. Eine, die nicht auf großen Veranstaltungssettings stattfindet, sondern die sich an der Käsetheke, am Grill, in Verbandsgruppen in Peergroups abspielt. Kirche ist eigentlich eine sehr liquide Idee, die sehr interaktiv gemeint ist und sehr nahweltlich. 

Machen Sie sich Sorgen über das Verhältnis der Jugendlichen aus verschiedenen Religionen?
Ich mache mir grundsätzlich Sorgen um Distinktionsbestrebungen. Es gibt so eine soziale Dynamik, sich immer von dem abzusetzen, dem es noch schlechter geht. Das scheinen Jugendliche mitzumachen, wenn ich sehe, dass sich viele mit ihren Eltern besser verstehen als mitmanchen Altersgenossen. Das ist für mich großer Ansporn, die Lebenskunst Jesu kulturell antreffbar und diskutabel zu machen. Es gibt eine Alternative zu einem Leben in Ressentiments und Abgrenzung und in der ängstlichen Sorge um sich selbst. Das ist das, was wir die Frohe Botschaft nennen und dafür stehen wir als Kirche.

Prof. Dr. Matthias Sellmann berät die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj) ist als Fachstelle für Jugendfragen in die Arbeit der Jugendkommission und des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz eingebunden.

Weitere Infos zur afj unter www.afj.de

Blog-Archiv chronologisch