Wer versteht schon die Jugend von heute?

Niemand, könnte man meinen. Jedenfalls haben mindestens zwei große deutsche Buchverlage Übersetzungshilfen im Programm, die Begriffe wie Blaupause [alkoholbedingter Schlaf], crispy [spaßig, aufregend] und ABF [allerbester Freund] erklären.

Das ist unterhaltsam, trägt aber mit einem auffällig hohen Vulgärsprachanteil leider eher zu einem problemzentrierten Blick als zu besserem Verständnis bei.

Die Erkenntnis, dass jede Jugendgeneration anders ist als ihre Eltern- und Großelterngeneration ist ein Dauerthema und lässt sich bis in die römische und griechische Antike zurückverfolgen. Aber braucht die Gesellschaft wirklich eine Art Leitfaden, um mit ihrer Jugend klarzukommen?

Zumindest braucht sie Erklärungen und Einblicke, denn jede Generation wächst unter anderen Rahmenbedingungen auf, die in dieser Lebensphase der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und Identität besonders prägend sind, aktuell etwa die Digitalisierung.

Durch den demografischen Wandel wird Jugend als Zielgruppe zum raren und begehrten Gut, über das man möglichst viel wissen möchte. So sind die Erkenntnisse der Jugendforschung im Marketing gefragt, v.a. aber im Personalbereich bei der Nachwuchskräftegewinnung wenn es darum geht, junge Menschen für das eigene Unternehmen zu gewinnen und zu binden.

Wichtig zu verstehen ist dabei, dass es DIE Zielgruppe Jugend nicht gibt. Aufwachsen heute ist zwar insgesamt anders als beispielsweise in den 70ern, es gibt also gemeinsame gesellschaftliche und historische Rahmenbedingungen, die Vielfalt an Lebenswelten hat aber eher zugenommen.

Gesellschaftspolitisch ist Jugendforschung im Zuge des demografischen Wandels auch wichtig, um der jungen Generation eine lautere Stimme zu geben, denn durch die zahlenmäßige Überlegenheit der älteren Generation ist diese zunächst einmal sichtbarer und bestimmt die Abläufe in Kultur und Politik, während die jüngere an Einfluss verliert.

Willi Brandt soll einmal gesagt haben: „Wir brauchen die Herausforderung der jungen Generation, sonst würden uns die Füße einschlafen.“ Dieser Herausforderung können wir uns nur stellen, wenn wir einen differenzierten und ressourcenorientierten Blick auf Jugend werfen, und dafür bedarf es einer wissenschaftlich fundierten und kontinuierlichen Jugendforschung.

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