"Unser formales Bildungssystem ist eine Frechheit."

Das Europahaus Marienberg im Westerwald ist die älteste europäische Bildungs- und Begegnungsstätte. Seit seiner Gründung 1951 sind hier über 200.000 v.a. junge Menschen aus ganz Europa zu Tagungen, Seminaren und Treffen zusammengekommen. Heute zeichnen sich die rund 100 Veranstaltungen im Jahr zur Gegenwart und Zukunft Europas auch durch besonders innovative Formate, Methoden und den intensiven Einsatz digitaler Medien und Anwendungen aus.

Politische Bildung für Jugendliche kann ja schon ein hartes Brot sein. Jungen Menschen Europapolitik nahe zu bringen, klingt kaum noch genießbar…
Wenn die Schulklassen hier ankommen und aus dem Bus steigen, schreien die Jugendlichen erstmal nicht laut „Hurra“ darüber, dass wir ihnen das europäische System nahebringen wollen. Aber wir machen das auf so kreative Weise, dass wir immerhin häufig Feedbacks bekommen wie „War viel besser, als ich erwartet hätte.“ oder „Hat jetzt gar nicht so weh getan.“ Das ist jetzt nicht die ganz große Begeisterungswelle, aber wir machen es den Jugendlichen so einfach wie möglich und ebnen ihnen einen emotionalen Zugang zu den Themen, z. B. durch den Einsatz digitaler Medien, Simulationen, Dramagames.

Aber welche Rolle spielt Europa in den sozialen und kulturellen Realitäten von Jugendlichen?
Um das deutlich zu machen, haben wir mehrmals während eines Seminars Projektphasen, in denen wir den Bezug zur Lebenswirklichkeit der Teilnehmenden herstellen. Wir haben eine Session, in der sie iPads und eine europäische Verordnung an die Hand kriegen und dazu kreativ arbeiten sollen. Z. B. sind ja ab 2017 einheitliche Ladegeräte für Mobiltelefone in der EU Pflicht, das betrifft ja wirklich Jeden. Solche Sachen verfilmen die dann mit verschiedenen Apps: als Stopmotion mit Lego, iMovie Trailer, Stummfilm, Time Lapse Geschichte mit Zeitraffer. Und außerhalb des eigentlichen Programms sind z. B. unsere Essenspläne so geschrieben, dass sie immer sehen, nach welchen Verordnungen und Richtlinien die Zutaten verwertet werden. Europa begegnet ihnen also hier an vielen Orten bis hin zu dem, was sie auf dem Teller haben. Nichtsdestotrotz wird natürlich Vieles in diesem Elfenbeinturm in Brüssel besprochen und entschieden, und das kritisieren die Jugendlichen auch immer wieder.

In euren Seminaren spielt ihr alle möglichen Spiele, veranstaltet Hackathons, es gibt im Juni eine Veranstaltung mit dem Titel „Zombieland Europe“. Das klingt teilweise ziemlich crazy und auch irgendwie weit weg von Europapolitik.
Es geht uns darum, Jugendliche aus ihrem Strukturdenken herauszulösen. Das funktioniert einerseits mit Methoden, aus denen sich andere Ausdrucksformen ergeben. Bei Hackathons hacken wir Websites, nehmen Inhalte aus ihrem Kontext und betten sie in ein neues Storytelling ein, um zu einem anderen Ergebnis zu kommen. Das haben wir z. B. mit den Twitteraccounts einiger Gruppen der neuen Rechten gemacht, die ihren Patriotismus im Netz unter dem intellektuellen Deckmäntelchen verbreiten: die „Identitäre Bewegung“ oder auch das „Institut für Staatspolitik“ mit seiner Zeitschrift „Sezession“ und der „Winterakademie“.

Und die Zombies?
Bei „Zombieland Europe“ steht tatsächlich der Inhalt im Vordergrund, da bauen wir richtig aufwändig ein komplettes Zombieszenario auf: Die Teilnehmenden kommen hier an und die Zombieapokalypse hat stattgefunden. Wie ordnet sich die Gesellschaft dann neu? Aus dem verstärkt popkulturellen Aufkommen von Zombies lassen sich ja philosophisch, politisch und kulturell einige Analogien und Fragen ableiten. Wie frei bin ich wirklich, bspw. als Konsument? Das leitet über zu einer Reflexion über Neo-Liberalismus und sozialen Determinismus.

Faszinierend an solchen Planspielen ist, dass man sich da wirklich reinziehen lässt und die Verhaltensmuster der Teilnehmenden sich oft ähneln. Ich habe so etwas mal mit einer Gruppe von Trainern, darunter auch Psychologen, gespielt. In dem fiktiven Szenario mussten wir uns nach dem totalen Zusammenbruch des Systems auf einen neuen Planeten retten und möglichst schnell viele Leute in Sicherheit bringen, bevor der Winter einbricht. Weil sich zeigt, dass Jeder zuerst an die eigene Bevölkerung denkt, sterben in dem Spiel viele Menschen, die als Fremde durch das Land ziehen und nicht aufgenommen werden. In der Auflösung stellt sich heraus, dass die Versorgung und auch die Zeit gereicht hätten, um alle zu retten; dass also niemand hätte sterben müssen, wenn alle miteinander kooperiert hätten. Dieses Spiel war visuell sehr gut gemacht, aber auch erschreckend und eindrucksvoll, wie einfach man sich auf solche Verhaltensmuster zurückwerfen lässt.

Welche Rolle spielen bei solchen Formaten digitale und soziale Medien und warum ist das für euch so eng verzahnt?
Bei manchen Seminaren sind sie eher Mittel zum Zweck. Aber es gibt auch Veranstaltungen, die explizit mit digitalen Medien zu tun haben, wenn auch auf einer Meta-Ebene. Als Beispiel fällt mir da das Live Action Role Play „Register for CTRL” ein, in dem es um Überwachung geht. Dabei steigen die Leute physisch in neues soziales Netzwerk ein und treten Daten an das System ab, um Mitglied sein zu können. Es werden gegenseitig Nutzerprofile angelegt aus Daten, die die Teilnehmenden übereinander herausgesucht und durch Überwachung gesammelt haben, ohne miteinander zu sprechen.

Wir selbst nutzen gerne digitale Auswertungstools wie Plickers oder Poll Everywhere für die Teilnehmerfeedbacks. Und dann setzen wir natürlich alles ein, was dazu führt, dass Leute mal jenseits von Powerpoint präsentieren wie Prezi, emaze, Padlets.

Du hast mal geschrieben, dass du viel damit beschäftigt seist, Jugendlichen das formale, schulsystemische Denken auszutreiben. Was läuft an Schulen falsch?
Deutsche Jugendliche tun sich schwer damit, non-formale Bildungsprozesse für sich überhaupt als Lernen zu erkennen. Die Schule bringt bei: Facts sind Lernen. Nur was ich reproduzieren, auf ein Blatt Papier schreiben, abgeben und dafür eine Note bekommen kann, ist Lernen. Je länger ich mit Bildung zu tun habe und im non-formalen Bildungsbereich arbeite, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass unser formales Bildungssystem eigentlich eine Frechheit ist. Bildung kann für Viele so nicht funktionieren.

Unser schulisches Bewertungssystem in Form von Noten versetzt Jugendliche überhaupt nicht in die Lage, sich selbst zu reflektieren, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen. Stattdessen werden gute Noten mit Intelligenz gleichgesetzt, was natürlich auch mit Ökonomisierung und einer vermeintlich effizienten Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt zu tun hat. Hätte ich eine Möglichkeit, das anders zu gestalten oder mich dem zu entziehen, würde ich das mit meinen Kindern tun oder ihnen zumindest die Chance geben, es auszuprobieren.

Welche Rolle spielen dabei die Lehrer, welche das System?
Das ist die sehr komplexe Frage nach Henne und Ei. Fakt ist, dass es ein paar Reformpädagogen oder digital versierte und ambitionierte Lehrer gibt, die aber immer nur an einzelnen Stellschrauben drehen, um das System erträglicher zu machen. Das System wird aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Was ist im non-formalen Bildungssystem anders?
Zunächst mal haben wir in 4- bis 5-tägigen Veranstaltungen etwa das an Zeitkontingent zur Verfügung, was die Schulen in einem ganzen Jahr haben, wenn man von 1-2 Wochenstunden Sozialkunde ausgeht. Häufig ist das sogar GL, also Gesellschaftslehre, d.h. Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde in Einem.

Dann sind wir personell anders aufgestellt: Im non-formalen Bildungsbereich gibt es zwar auch Pädagogen, aber mehr so „learning by doing“ Leute, die nicht so einen theoretischen, durchpädagogisierten Überbau mit sich herumtragen, sondern irgendwie in den Bereich politische Bildung reingeschlittert sind, vielleicht früher mal ehrenamtlich Jugendarbeit gemacht haben.

Auch die Gruppenzusammensetzungen sind bei uns anders als in den oft festgefahrenen Klassenverbänden. Wir würfeln neu zusammen, auch wenn ganze Jahrgangsstufen kommen. Daraus ergeben sich neue Dynamiken, jeder kann aus seiner Rolle heraustreten und etwas Neues sein.

Sind das nicht teilweise auch Dinge, die die Lehrer mitnehmen können für den Schulalltag?
Schon, das sagen sie auch häufig in den Auswertungsrunden. Es gibt aber auch Lehrer, denen unsere Arbeitsweise nicht gefällt oder die gar nicht teilnehmen, sondern sich auf ihr Zimmer setzen und Korrekturen machen. Das ist allerdings eine Minderheit.

Wir hoffen natürlich, dass auch die Schülerinnen und Schüler etwas zurücktragen in ihren Alltag. Alle Tools, die wir nutzen, sind frei verfügbar, damit die Jugendlichen die auch weiter nutzen können, wenn die wieder an ihren Schulen sind.

Gibt es Jugendliche, die mehrmals zu euch kommen?
Ja, wir sehen einige 3-4mal, im Abstand von einem oder einem halben Jahr. Wir sagen aber auch, wenn die sich hier heulend in den Armen liegen, weil es die beste Woche ihres Lebens war, dass sie es lieber dabei belassen sollen, weil man so eine positive Erfahrung schlecht reproduzieren kann. Die sollen dann lieber beim nächsten Mal noch in eine andere Begegnungsstätte fahren.

Anselm Maria Sellen ist Studienleiter und gehört zum dreiköpfigen Leitungsteam der Bildungsstätte Europahaus Marienberg. Zu seiner Arbeit in der politischen Bildung betreibt er u.a. den Blog http://amsellen.com/ sowie den „Pottkast EUducation“ 

 

 

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