Ticken Jugendliche in Österreich anders?

Manfred Tautscher ist Geschäftsführer von SINUS und Gesellschafter der INTEGRAL-SINUS GmbH, die sowohl das SINUS-Institut in Heidelberg und Berlin als auch das österreichische Schwesterunternehmen INTEGRAL in Wien und die Depandance SINUS:consult in Südostasien umfasst. Er pendelt seit vielen Jahren zwischen Österreich, Deutschland und zunehmend auch Südostasien.

Welche Rolle spielt die Jugendforschung bei SINUS und INTEGRAL?
Auf jeden Fall eine sehr große, mit steigender Tendenz. In Deutschland liegen die Wurzeln von SINUS ja im sozialwissenschaftlichen Bereich, deshalb sind wir da auch in der Jugendforschung sehr etabliert. Im Profitbereich ist die Präsenz der Jugendforschung noch geringer, aber auch hier sehen wir, dass unsere Kompetenzen für eine differenzierte und realistische Beschreibung der sogenannten „Millennials“ – die oft pauschal als „Generation Y“ bezeichnet werden - zunehmend gefragt sind. Die „Generation Y“ (wie sie üblicherweise beschrieben wird) gibt es nicht, sie beschreibt maximal einen Teil der Jugendlichen, insbesondere diejenigen, die wir als Expeditive bezeichnen.

In Österreich ist die Situation etwas anders, da haben wir nicht so eine ausdifferenzierte Landschaft im öffentlichen (Non-Profit) Bereich und entsprechend wenig Budgets für sozialwissenschaftliche Forschung. Dafür gibt es auf kommerzieller Seite Interesse an der Jugendforschung auf Basis der Sinus-Milieus. Wenn man etwas über die Wertewelt der jungen Menschen wissen möchte, kommt man an diesen Erkenntnissen in Österreich eigentlich nicht vorbei, zumal es nicht die Fülle an Sekundärdaten gibt, wie wir sie in Deutschland z. B. in der b4p (best for planning, ehemals Verbraucheranalyse bzw. Typologie der Wünsche) für die Bevölkerung ab 14 Jahren haben.

Ganz konkret im Alltag junger Menschen: Ticken die Jugendlichen in Österreich anders als die in Deutschland?
Die Österreicher sind insgesamt hedonistischer, weniger ehrgeizig. Gleichzeitig beobachten wir das interessante Phänomen, dass die Menschen in diesen globalisierten Zeiten einen Schritt rückwärts machen, was die kosmopolitische Ausrichtung betrifft. In Österreich beobachten wir die Tendenz, dass die Jugend heute weniger bereit ist für den Beruf ins Ausland zu gehen, da man danach wenig Chancen sieht, wieder zu Hause in Österreich etwas Adäquates zu finden, man hat Angst, entwurzelt zu werden. Weltoffenheit und kosmopolitisches Denken sind in Deutschland dagegen ausgeprägter. Das zeigt sich bei Jugendlichen z. B. in einer höheren Bereitschaft zum Ortswechsel aufgrund eines Karriereschritts. Diese Offenheit hat in Österreich eher abgenommen. Viele wollen zwar einen interessanten Job haben, mindestens ebenso wichtig ist es ihnen aber, z. B. Wien als vertrauten Lebensmittelpunkt beizubehalten.

Gibt es weitere Unterschiede zwischen den beiden Ländern, die ins Auge fallen?
Österreich hängt die wirtschaftliche Krise von 2009 viel stärker nach, was sich auf fast alle Lebensbereiche auswirkt. Diese Unsicherheiten spüren Jugendliche stärker als Menschen, die schon fest im Job und im Leben stehen. Das Bedürfnis nach Regrounding und Sicherheit ist daher heute deutlich größer als in Deutschland.

In Deutschland wird aktuell viel über den Fachkräftemangel gesprochen, dadurch gewinnen zumindest die Jugendlichen mit einer soliden Ausbildung den Eindruck, dass ihnen zu jeder Zeit alle Chancen offen stehen.

Diese Unterschiede auf den Arbeitsmärkten der beiden Länder spüren wir ganz konkret daran, dass in Österreich Personal- und Nachwuchsmarketing noch kein großes Thema ist.

Sind junge Menschen in Österreich durch die instabilere ökonomische Situation auch anfälliger für Ressentiments gegenüber Zuwanderern?
Für beide Länder gilt zunächst mal, dass bildungsferne Jugendliche gegenüber Zuwanderern eher Ängste entwickeln, weil es ihnen selbst an gesellschaftlichen Chancen und Perspektiven fehlt. Aber, wie gesagt, in Österreich sind Unsicherheiten und Zukunftsängste stärker ausgeprägt. Außerdem gibt es in Österreich leider durch den Erfolg der FPÖ auch schon eine gewisse Tradition, Ausländer für alle Probleme verantwortlich zu machen. Neben den Bildungsfernen ist auch die junge Mitte, also die Adaptiv-Pragmatischen, durchaus zugänglich für populistische Argumente. Und sie fühlen sich von den etablierten Parteien in ihren Zukunftssorgen zu wenig ernst genommen.

Mit den Meta-Milieus kann SINUS inzwischen Zielgruppen in fast 30 Ländern der Welt beschreiben. Gibt es auch eine internationale Nachfrage speziell im Hinblick auf junge Zielgruppen?
Ganz sicher, deshalb sind wir auch gerade dabei, unsere Jugendforschungskompetenz international auszubauen. Ganz konkrete erste Kontakte und Pläne gibt es in Asien gemeinsam mit unserer Tochter SINUS:consult. Wir hoffen, dass es bald eine Jugendstudie für Asien geben wird.

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