Selbstwirksam statt abgeschrieben

Hassan Asfour und Siamak Ahmadi (v.l.n.r.), die beiden Gründer und Geschäftsführer von „Dialog macht Schule“

„Segregierte Schulen“ – dieser Begriff klingt nicht einladend. Er beschreibt u.a. Schulen mit einem besonders hohen Anteil von sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern, häufig mit Migrationshintergrund. Der in den letzten Jahren geprägte Terminus führt geradezu klanglich vor Augen, dass hier eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen systematisch gesellschaftlich abgeschrieben wird. Wer mit Blick auf diese Zielgruppe mit Bildung und Partizipation für Alle wirbt, mag schnell den Verdacht wecken, Utopien nachzuhängen. Doch genau dieser Slogan steht für das Projekt „Dialog macht Schule“.

Das bundesweit angelegte Mentoringprogramm will junge Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen dafür stark machen, die Gesellschaft von morgen mitzugestalten. Dabei setzt es an der Schnittstelle zwischen Persönlichkeitsentwicklung, Integration und politischer Bildung an.

Zunächst werden Strukturen aufgebrochen: Wöchentlich 90 Minuten Zeit statt der üblichen Dreivierteilstunde, lockere Themenblöcke statt eines festen Curriculums, Formatoffenheit statt Frontalunterricht. Der wichtigste Baustein des Programms ist jedoch die personelle Aufstellung: sog. Dialogmoderatorinnen und -moderatoren, zwischen 20 und 30 Jahre alt, häufig Studierende ganz unterschiedlicher Fachbereiche, gehen jeweils zu zweit in Gruppen von max. 15 Schülerinnen und Schülern. „Etwa die Hälfte von ihnen hat selbst eine Einwanderungsgeschichte“, erklärt Hassan Asfour, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer. „Das allein ist natürlich keine Qualifikation, aber es ist wichtig, dass sie das Potenzial haben, Vorbilder zu sein, weil sie selbst schon intensiv mit Themen wie Integration, Identität und Heimat in Berührung gekommen sind.“ Weil „Dialog macht Schule“ auch auf Beziehungsqualität setzt, ist es wichtig, dass die Dialogmoderatoren ihre Schützlinge über einen Zeitraum von zwei Jahren begleiten. So entstehen Räume für Dialoge, die an dem anknüpfen, was die Jugendlichen interessiert und bewegt. Asfours Partner Siamak Ahmadi nennt ein Beispiel: „Du sprichst mit ihnen über Twilight und landest einige Zeit später bei einer Diskussion über Geschlechterrollen.“

Eine Sache allerdings ist genauso wie beim normalen Unterricht: Das Angebot ist keine freiwillige AG, sondern verpflichtend. „Wir haben es ja mit einer Gruppe zu tun, die ohnehin häufig nicht so schulaffin ist, was Anwesenheiten angeht“, erklärt Asfour lächelnd.

Das klingt ziemlich realitätsnah und pragmatisch, jedenfalls nicht nach utopischer Träumerei. Aber wie sieht es mit den hohen Zielen Bildung und Partizipation aus? „Demokratische und politische Partizipation wird oft zu eng gedacht“, kritisiert Asfour, der selbst gebürtiger Libanese ist und Interkulturelle Kommunikation studiert hat.  Für ihn ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ein erster wichtiger Schritt: „Wenn die Jugendlichen merken, dass sie das Recht haben, ihre Interessen zu vertreten: einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu wollen, oder sich dagegen zu stellen, wenn die Hausverwaltung aus Sicherheitsgründen Kameras im Treppenhaus installieren will. Selbstwirksamkeit ist das Stichwort.“

Dass die Idee tatsächlich Schule macht, zeigen die Fakten: Über 100 Dialogmoderatorinnen und -moderatoren wurden seit 2014 ausgebildet, jährlich sollen mindestens weitere 100 hinzukommen. Sie sind bisher an Schulen in Berlin, Hannover, Stuttgart und Hamburg, dieses Jahr starten weitere in Wolfsburg und Düsseldorf und wahrscheinlich Hameln und Peine in Niedersachsen. Weitere Informationen unter www.dialogmachtschule.de

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