Nach der Generation Revolution

In Ägypten ist die Jugend zahlenmäßig in der Mehrheit: Fast ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 14 Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren. (Zum Vergleich: In Deutschland sind knapp 13% jünger als 14, das Durschschnittsalter liegt bei 43 Jahren.) Was die Gesellschaftsstruktur und die gescheiterte Revolution für die junge Generation bedeuten, erzählen die Journalistin Elisabeth Lehmann und der Journalist Khalid El Kaoutit, die bis Ende 2015 in Ägypten gelebt und gearbeitet haben.

Hat die Jugend in Ägypten mehr Einfluss als in Deutschland, ist sie präsenter?

Elisabeth: Präsenter ist die Jugend in Ägypten definitiv. Allein im Straßenbild. Ihre schiere Masse heißt allerdings nicht, dass sie mehr Einfluss hat. Genau genommen hat sie so gut wie gar keinen. Das ist ja die Wurzel des Problems.

Khalid: Es gibt keine freien Wahlen, in denen Jugendliche im Wahlalter ihre Meinung durch das Kreuz im Wahlzettel zum Ausdruck bringen können. In der patriarchalischen Gesellschaft haben die Älteren mehr Erfahrung, mehr Geld und damit auch mehr Macht. Die Jugend gilt als unerfahren, mittellos und wird nicht ernst genommen. Die Jugend war unter Mubarak von allen institutionellen Entscheidungen ausgeschlossen  – und ist es leider immer noch.

Elisabeth: In Ägypten hängt außerdem so gut wie alles von der sozialen Herkunft ab. Es spielt keine Rolle, wie klug du bist, wie sehr du dich in der Schule anstrengst, wie fleißig du im Leben bist. Wenn du im falschen Viertel lebst oder die falschen Eltern hast, wirst du nie aufsteigen. Und das betrifft – würde ich schätzen – 90 Prozent der Bevölkerung. Perspektivlosigkeit und Frustration sind da vorprogrammiert. Wie sich das anfühlt und wie zermürbend das sein kann, davon machen sich deutsche Jugendliche meiner Ansicht nach gar keinen Begriff. Der Großteil der Bevölkerung ist arm und hat kaum Bildung, aber viele Kinder. Und diese Kinder haben von Anfang verloren, während sie sehen, wie sich eine alte politische und militärische Elite an der Spitze maßlos bereichert. Da staut sich ganz schnell Frust an, der 2011 explodiert ist.

Die Medienberichterstattung suggeriert, dass eine ganze Generation auf dem Tahrir-Platz auf die Straße gegangen ist. Wer waren diese jungen Menschen tatsächlich? Aus welchen Schichten und Szenen kamen sie?

Khalid: Vor allem war die Revolution eben hauptsächlich von jungen Ägypterinnen und Ägyptern getragen, insofern ist zu diesem Zeitpunkt auch der Konflikt zwischen den Generationen eskaliert. Die Kritik an der bestehenden Ordnung ging durch die ganze Gesellschaft, es waren Bauern dabei, Arbeiter, Studenten, Unternehmer, Arbeitslose… Die, die von der Sache überzeugt waren, und die, die nichts zu verlieren hatten.

Elisabeth: Es hat viele beeindruckt und begeistert, dass es zum ersten Mal keine Rolle gespielt hat, aus welcher sozialen Schicht man kam, woran man glaubte oder welche politische Einstellung man hatte. 2011 standen auf dem Tahrir alle zusammen und hatten ein gemeinsames Ziel: Mubarak muss weg. Die Proteste entfacht und am Laufen gehalten hat aber vor allem die gebildete, säkulare Jugend. Es gibt in Ägypten einen eigenen Begriff dafür: Revolutionsjugend, „shabab al-thaura“.

Viele der jungen Menschen, die demonstriert haben und die „Staatgewalt“ zu spüren bekamen, sind traumatisiert. Wie macht sich das im Alltag der Menschen in Ägypten bemerkbar?

Elisabeth: Ich kann hier nur über die „shabab al-thaura“ sprechen, da wir hier enge persönliche Kontakte hatten und haben. Die sind nach unseren westlichen Maßstäben sicherlich alle traumatisiert. Sie haben so viel Blut gesehen, so viel Leid erlebt, hatten so hohe Ideale und sind so bitter gescheitert damit  - das hinterlässt Spuren. Sie haben das Grundgefühl von Sicherheit und Vertrauen in andere Menschen verloren, sind fast schon paranoid.

Khalid: Es wird schon sehr viel über die Revolution gesprochen. Viele haben Freunde und Verwandte verloren. Kurz nach der Revolution gab es einen Moment, in dem die Menschen Freiheit verspürt haben und das Siegesgefühl, stärker zu sein als die Ungerechtigkeit. Es gab die Hoffnung, dass es sich gelohnt hat: "Wir sind frei, weil wir Opfer gebracht haben." Spätestens im August 2013, als das Militär die Sitzblockade der Muslimbrüder gewaltsam aufgelöst hat, begann die Stimmung aber zu kippen: "Wir haben so viele Opfer gebracht und kaum etwas erreicht." Heute wird weniger und oft schmerzlich an die Revolution erinnert: "Weißt Du, damals ..." Wenn man solche Aussagen von Mittzwanzigern hört, dann ist es schon komisch.

Elisabeth: Ich habe auch eine Art Abstumpfung bei den jungen Menschen beobachtet. Es gibt wenig, was sie noch erschüttern kann. Sie werden zynisch und verbittert. Am Anfang unserer Zeit in Ägypten wurden an gemeinsamen Abenden noch lustige Geschichten aus der Zeit auf dem Tahrir erzählt, kleine Anekdoten, über die alle lachen konnten. Doch je repressiver die Staatsmacht gegen die Jugend vorging, umso seltener wurden diese Gespräche.

Heute würde ich sagen, dass es drei unterschiedliche Gruppen gibt im Umgang mit der Revolutionsgeschichte: Es gibt die Sturen, die nach wie vor über politische Utopien diskutieren, darüber nachdenken, welchen Schritt man als nächstes gehen könnte und wie man die Revolution vielleicht doch wiederbeleben könnte. Dann gibt es die, die in den Alltag zurückgekehrt sind. Sie machen wieder ihren Job, haben sich arrangiert mit der Situation und wollen mit dem Thema in Ruhe gelassen werden. Und dann gibt es die Depressiven, für die es im Ägypten des Jahres 2016 keine Optionen mehr gibt. Sie suchen nur noch nach Wegen, das Land zu verlassen.

Wie vielfältig ist die Jugend in Ägypten, z. B. wenn man sich Stadt/Land Unterschiede oder auch die Herausbildung von Jugendszenen anschaut?

Elisabeth: Sicherlich ist die Jugend deutlich weniger vielfältig als in Europa. Das hängt mit gesellschaftlichen Normen und Konventionen zusammen: Die Familie hat einen großen Einfluss und jeder, der von der Norm abweicht, bereitet seiner Familie Schande. Das gilt es zu vermeiden. Es fällt schon rein äußerlich auf, dass die Jugendlichen nahezu uniformiert herumlaufen. Subkulturen sind deutlich weniger ausgeprägt als bei uns in Deutschland, aber es gibt sie. Es gibt die streng Gläubigen genauso wie die Säkularen, die allerdings vorsichtig sein müssen, denn Blasphemie ist strafbar. Es gibt Punks, Hardrock-Fans, Tätowierte usw. Nur eben deutlich weniger sichtbar und in kleinerer Zahl. Individualität steht nicht an oberster Stelle bei ägyptischen Jugendlichen, aber natürlich haben alle Internet und wissen, wie die Welt draußen aussieht. Mädchen wollen sich – im Rahmen der Möglichkeiten – genauso schick machen, wie europäische Mädchen auch. Make-Up und Kopftuchmoden spielen eine ähnlich große Rolle wie bei uns etwa Turnschuh-Trends.

In Deutschland fragt man sich, wer nach der „Generation Y“ kommt. Was kommt in Ägypten nach der „Generation Revolution“?

Elisabeth: Das ist eine gute Frage, auf die ich leider keine Antwort weiß. Schaut man sich Ägypten im Jahr 2016 an, so muss man feststellen, dass nichts von dem, was die jungen Menschen 2011 auf dem Tahrir gefordert haben, erreicht wurde. Es herrschen nach wie vor die alten Machteliten. Die Jungen haben wenig bis gar keinen Einfluss. Die Armut wird immer extremer und die Hoffnungslosigkeit prägt sich weiter aus. Wird es eine dritte Revolution geben? Ich weiß es nicht, aber in diesem Zustand kann die Gesellschaft nicht lange ruhig zusammenleben. Es wird also irgendwann wieder knallen – in welcher Form auch immer.

Khalid: Es wird bestimmt noch zu einer weiteren Revolution kommen. Und die Klügeren werden bestimmt aus der Erfahrung "After 2011" viel gelernt haben. Viele sind so deprimiert, dass nur Selbstmord und Auswanderung als realistische Alternativen für sie bleiben. Deshalb glaube ich, dass nach der "Generation Revolution" eine "Generation Revolution reloaded" kommen muss. 

Die Berichte und Reportagen von Elisabeth Lehmann und Khalid el Kaoutit sind u.a. bei der Deutschen Welle, in der taz, im DLF und im Deutschlandradio erschienen. In der Märzausgabe der Zeitschrift „Cicero“ stellen sie aus der „Generation Revolution“ einige ihrer Freundinnen und Freunde vor, die die Revolution miterlebt und –getragen haben. Am Freitag, den 08. April sendet SRF2 Kultur zu diesem Thema um 20 Uhr ein großes Hörfunkfeature der beiden.

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