Mehr Schutz für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Desirée Weber ist Juniorreferentin bei der Kinderrechtsorganisation Save the Children Deuschland e.V. und arbeitet im Projekt “Zukunft! Von Ankunft an.“, das die Bedingungen für Bildung, Aufwachsen und gesellschaftliche Teilhabe für nach Deutschland geflüchtete Kinder und ihre Familien verbessern soll.

Wie groß ist die Zielgruppe Ihrer Projekte in Deutschland, von wie vielen minderjährigen Flüchtlingen sprechen wir?
Wir haben insgesamt das Problem, dass es keine verlässlichen Daten gibt, weil nicht alle offiziell registriert werden und verschiedene Ämter dafür zuständig sind, die  Einreise von Geflüchteten und damit auch geflüchteten Kindern zu erfassen. Man geht aber davon aus, dass etwa 30% der Geflüchteten minderjährig sind, dass also ca. 300.000 Minderjährige dieses Jahr nach Deutschland gekommen sind. Davon sind über 40.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Hier haben wir relativ verlässliche Zahlen, weil diese Jugendlichen vom Jugendamt in Obhut genommen und in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht, somit also dort registriert werden

War das schon immer so?
Nein. Erst seit Inkrafttreten des Kinder -und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzes im Jahr 2005. Zuvor fielen diese Kinder und Jugendlichen nicht unter das Jugendhilfegesetz. Konkret hieß das, dass sie in vielen Bundesländern in normalen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht wurden und das Sozialamt für sie zuständig war.

Die rechtliche Situation unbegleiteter Minderjähriger in Deutschland verbessert sich aber seit einigen Jahren deutlich.

Aber werden die rechtlichen Vorgaben auch immer sofort flächendeckend erfüllt?
In der Praxis müssen sich manche Veränderungen erst zeigen. Z. B. gibt es ja seit dem 1.11.2015 das neue Umverteilungsgesetz, nach dem auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt werden. Das Verfahren ist leider relativ kompliziert: Wenn die Jugendlichen irgendwo ankommen, werden sie dort vom Jugendamt in Obhut genommen. Danach sollen sie innerhalb von 4 Wochen weiter verteilt werden und ein anderes Jugendamt wird zuständig, so dass erst dann ein Vormund bestellt und die sogenannte maximal 3-monatige Clearingphase vollständig eingeleitet werden kann. Dabei werden Themen wie Fluchtumstände, Familienverhältnisse und ggf. -zusammenführung, Gesundheit, Schule geklärt. Die Gefahr besteht, dass sich diese Prozesse in die Länge ziehen. Das Kindeswohl soll bei diesem Verfahren vordergründlich beachtet werden, aber wie das alles in der Praxis aussehen wird, wissen wir jetzt erstmal nicht.

Wie sieht es bei den begleiteten Minderjährigen aus, also den Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Familien zu uns kommen?
Leider schlechter. Sie werden immer im Rahmen der Familie gesehen und fallen somit unter das Asylbewerberleistungsgesetz, d.h. sie werden nicht im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe erfasst. Es gibt im Gegensatz zu den unbegleiteten Minderjährigen keine Standards, was z. B. die Unterbringung angeht. Man geht einfach davon aus, dass sie einen gewissen Schutz innerhalb der Familie erfahren, was nicht immer der Fall ist, da ja auch die Eltern häufig sehr erschöpft und gestresst, teilweise traumatisiert sind. In den Gemeinschaftsunterkünften sind Familien manchmal mit fremden Menschen in einem Raum untergebracht, es fehlen häufig die Rahmenbedingungen, um das Recht auf Ruhe und Privatsphäre, aber auch auf Spielen, psychosoziale und gesundheitliche Versorgung umzusetzen. Wir haben in den Gemeinschaftsunterkünften einen Betreuungsschlüssel von ungefähr 1:100, also einen Sozialpädagogen auf 100 Geflüchtete.

Wie sieht es mit dem Recht auf Bildung aus? Wie schnell erfahren die Kinder und Jugendlichen in diesem Bereich Integration?
Wenn wir über KiTa sprechen, dann ist die Situation sehr schlecht, die wenigsten Kinder aus den Gemeinschaftsunterkünften können eine KiTa besuchen, weil die Plätze sehr rar sind. Der Grundschulbesuch ist dagegen ganz gut geregelt, die meisten Kinder im Grundschulalter können innerhalb der ersten 3 Monate zur Schule gehen. Schwierig ist es dann wieder bei den 16- und 17-Jährigen, weil sich da jahrelang die Frage der Schulpflicht gestellt hat und auch das von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche gehandhabt wird. Es ist besser geworden, aber definitiv immer noch schwieriger für 16- bis 17-Jährige, einen Schulplatz zu finden, als für Kinder im Grundschulalter.

Wie groß ist der Wunsch nach Integration ins Bildungssystem bei den Jugendlichen selbst?
Sehr groß, viele haben ein großes Bestreben, Bildung zu erhalten, obwohl Unsicherheiten wie der Ausgang des Asylverfahrens oder auch die Situation der zurückgelassenen Familie sie tagtäglich beschäftigen und die Alltagsbewältigung erschweren. Manche kommen mit der Erwartung, dass sie hier innerhalb von 1-2 Jahren die Schule abschließen können und das ist dann eben oft nicht so.

Wo liegt im Moment ihr Arbeitsschwerpunkt bei „Save the Children“?
Im Programm „Zukunft! Von Ankunft an.“, in dem ich tätig bin, geht es v.a. darum, einen Qualitätsrahmen für die Flüchtlingssozialarbeit und Unterbringungsstandards zu entwickeln. Wir organisieren Netzwerktreffen mit Betreibern der Unterkünfte, KiTas, Schulen, politischen Entscheidungsträgern und Jugendämtern. Zusätzlich führen wir eine Kinderrechtssituationsanalyse durch, um Bedarfe der Kinder zu identifizieren. Das machen wir zunächst in 6 Unterkünften in 3 Bundesländern, das Ergebnis soll aber transferfähig sein.

In der Flüchtlingsunterkunft am Tempelhofer Flughafen haben wir im Dezember einen kinderfreundlichen Raum eröffnet, um den Kindern einen eigenen Raum zu geben, in den sie sich zurückziehen und spielen können. Ein Konzept, das wir bei Save the Children bereits seit mehreren Jahren im internationalen Kontext anwenden und bei dem wir auf einen großen, internationalen Erfahrungsschatz zurückgreifen können.

Die Mitarbeiter, die wir dort einsetzen, schulen wir vorher in psychosozialer Erstversorgung. Unser Training in diesem Bereich versetzt Laien in die Lage, die psychosozialen Bedarfe von Mädchen und Jungen zu erkennen, die Situation zu stabilisieren und die Kinder in ihren Bewältigungsmechanismen zu unterstützen. Bei Bedarf wird an therapeutische Stellen weiterverwiesen. Zudem schulen wir unsere Mitarbeiter in den Feldern Kinderschutz und institutioneller Kinderschutz (Safeguarding). Das ist übrigens auch wieder so eine Lücke: Viele Ehrenamtliche sind weder geschult noch haben sie einen Backgroundcheck durchlaufen, mussten also z. B. kein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen oder sich offiziell registrieren lassen. Auch Ehrenamt muss geschult und koordiniert werden!

Besteht nicht bei der Einführung höherer Standards grundsätzlich die Gefahr, dass durch den höheren Aufwand Kapazitätsgrenzen schneller erreicht sind und weniger Flüchtlinge aufgenommen werden können?
Ich bin davon überzeugt, dass beides – viele Flüchtlinge aufnehmen und sie trotzdem gut betreuen -  zusammen gehen muss. Gerade in Bezug auf Kinder müssen gewisse Anforderungen wie ein besserer Betreuungsschlüssel gewährleistet werden.

Was sind Ihre 3 wichtigsten Wünsche für die Zukunft im Hinblick auf geflüchtete Kinder und Jugendliche in Deutschland?
Unterbringungsstandards. Adäquate gesundheitliche Versorgung. Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen.

Weitere Infos zu Save the Children Deutschland e.V. gibt es unter www.savethechildren.de

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