Gegen den rechten Strom

Heval Demirdögen, Leiter des Projektes LEUCHTLINIE, einer neuen Anlaufstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Baden-Württemberg, ist seit vielen Jahren in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen tätig und hat junge Menschen nach wie vor besonders im Blick, wenn es um die Themen Rechtsextremismus, Islamismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geht.

Rechtsextremisten finden vor allem unter Jugendlichen ihren Nachwuchs. Warum sind Jugendliche besonders empfänglich dafür?
Zur Jugendphase gehört Identitätsfindung, in dieser Zeit steht ja noch Vieles in Frage: Wer bin ich und wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Eine eindeutige Zugehörigkeit zu einer Gruppe erleichtert die Identitätsbildung und das Selbstwertgefühl ungemein. Die rechte Szene bietet Sicherheit, Struktur und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die immer komplexer werdende Welt wird durch ein starres Weltbild scheinbar vereinfacht, genauso die Erklärungsmuster für Probleme und schwierige Situationen im Leben der Jugendlichen und ihrer Familien: Schuld ist immer jemand anders, v.a. diejenigen, die nicht als gleichwertig angesehen werden.

Starke psycho-soziale Belastungen in den jeweiligen Familien und nicht zuletzt Erfahrungen von sozialer Desintegration fördern zusätzlich die Hinwendung zu einer Gruppierung mit klaren Identitäten, markanten Feindbildern und machtvoller Rhetorik. Und für Jungs spielt in vielen Fällen auch das Rollenangebot und das Bild „wahrer Männlichkeit“ eine wichtige Rolle: ein offensiv zur Schau getragenes Machogehabe, mit dem sich gegenseitig wie nach außen Härte, Stärke und die Verachtung von Schwäche und Weichheit demonstriert wird.

Kann man sagen, an welchem Punkt in den Biografien der Jugendlichen der Kontakt mit rechtem Gedankengut entsteht?
Rechtsextreme Orientierungen entstehen in der Regel über alltagskulturelle Einflüsse im sozialen Umfeld der Jugendlichen. Ganz wichtig ist dabei sicherlich die Peer-Group als Sozialisationsinstanz. Sie stellt jenseits der Herkunftsfamilie Normen, Werte und Verhaltensalternativen zur Verfügung, an denen sich Heranwachsende orientieren können und mit denen sie sich im Prozess der Identitätsfindung auseinandersetzen -– im guten wie im schlechten Sinne: Wenn sich hier eine Akzeptanz für rechte Gewalt findet, dann ist das häufig der Nährboden.

Warum gilt gerade für Jugendliche Musik oft als „Einstiegsdroge“?
Sie wird von rechtsextremistischen Gruppierungen gezielt als Propagandainstrument eingesetzt. Im rechtsextremistischen Milieu ist Musik wesentliches Bindeglied, Lockmittel und abgesehen davon auch eine wichtige Einnahmequelle. Wenn jemand erstmal für die Musik und die darüber transportierte „Erlebniswelt“ gewonnen ist, zielen die Liedtexte darauf, rechte Denkstrukturen zu festigen und durch rechte Ideologie zu erweitern. Und dieses Phänomen geht weit über das hinaus, was man sich klischeehaft vorstellt, also grölende Männerstimmen zu lauter, harter E-Gitarrenmusik. Es gibt rechtsextrem orientierte Musik in unterschiedlichsten Formen und Stilrichtungen. Rechtsextreme Texte und Gesinnungen finden sich inzwischen nicht nur im klassischen Rechtsrock, sondern auch im Metal, Darkwave, Techno, HipHop sowie in der Schlagermusik und bei Liedermachern. Das macht die Einordnung und Erkennung schwierig.

Woran können Jugendliche und deren Eltern denn erkennen, dass die Clique mit dem Rechtsradikalismus sympathisiert?
Momentan wird es immer schwieriger, die rechte Szene eindeutig als rechts zu erkennen: Die "klassischen Glatze“ ist eher aus der Mode gekommen. In Sachen Kleidercodes, Musikstil, Sprache oder Aktionsformen haben sich diese Gruppen relativ beliebig bei anderen Jugendkulturen bedient, und sind dabei auch vor dem Klau beim klassischen Gegner, also der Autonomen Linken, nicht zurückgeschreckt. Innerhalb der rechten Szene werden auch Codes und Symbole genutzt wie z.B. Zahlenkombinationen, die sich auf die Buchstaben des Alphabets beziehen, also ''18'' für Adolf Hitler. Diese Symbole und Codes tauchen in Liedtexten, auf CD-Covern, als Aufdrucke oder Aufnäher, Schmuck, Jackenembleme, Autokennzeichen oder Grußformeln auf und haben wie in jeder anderen Jugendkultur den zusätzlichen Reiz, dass nur Gleichgesinnte sie verstehen.

Gibt es Parallelen zu anderen radikalen Strömungen, z. B. zum religiös motiviertem Radikalismus?
Was sich so gegensätzlich und grundverschieden anhört, ist es nicht. Sowohl politisch als auch religiös motivierte Extremisten sind extrem in ihren Ansichten, nicht tolerant gegenüber anderen Meinungen oder Lebensweisen und bereit, ihre Anschauung auch mit aggressiven Mitteln zu verteidigen. Und sie arbeiten mit ähnlichen Mitteln, um Nachwuchs zu rekrutieren. Prinzipiell gelten für religiös radikalisierte Jugendliche dieselben Beobachtungen wie oben angeführt. Zusätzlich spielt in der Peergroup das Thema Religion eine Rolle, oft in Zusammenhang mit dem Wunsch nach einer „besseren Welt“.

Wie haben die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten Radikalisierungsprozesse verändert?
Auch Rechtsextreme wissen, dass für Jugendliche das Internet das wichtigste Medium ist – und für manche auch das Einstiegsmedium: Ohne direkten Kontakt zur rechtsextremen Szene aufnehmen zu müssen, können Jugendliche sich hier erstmal informieren, oder sich mit rechtsextreme Accessoires, Musik oder Kleidung ausstatten.

Außerdem gibt es interaktive Bereiche wie Diskussionsforen und Chat-Rooms. In denen können rechtsextrem Orientierte neben Alltagserlebnissen aus Schule oder Ausbildung auch ihre „Ansichten“ austauschen und sie in ihrem Echoraum gegenseitig verstärken und ver­feinern, auch Hinweise auf Veranstaltungen wie Demonstrationen, Auftritte von Bands, Kneipenabende erfahren sie dort. So ein geschlossenes System, in dem Gruppierungen unter sich bleiben, forciert Radikalisierung.

Hier ist es elementar wichtig, Counter-Narrative aufzubauen. Und am besten können das Jugendliche selbst, wie beispielsweis bei der Initiative i,Slam, die junge muslimische Künstlerinnen und Künstler fördert und ihnen eine Bühne bietet.

Womit wir beim Thema Prävention angelangt wären… Wie sieht erfolgreiche Präventionsarbeit mit Jugendlichen aus?
Jugendliche müssen über die gefährlichen Denk- und Handlungsmuster aufgeklärt werden. Dazu leistet Jugendarbeit einen ganz wichtigen Beitrag, ist aber langfristig auch angewiesen auf Kommunalpolitik, Verwaltung, Schule, Familie und Zivilgesellschaft!

In Projekten und Angeboten stoßen wir bei Jugendlichen oft erstmal auf eine Abwehrhaltung, weil der direkte Bezug zum Nationalsozialismus hergestellt wird. Den weisen die meisten jungen Menschen in Deutschland heute deutlich von sich mit Argumenten wie „Wir sind nicht die Generation der Täter.“ – oder „Was hat das mit uns zu tun?“ Besonders einprägsam ist aber hinterher häufig die Erkenntnis, dass jeder Mensch Vorurteile hat, und doch Einige menschenverachtende Einstellungen mit sich herumtragen. „Ich hätte nie gedacht, dass auch ich so viele Vorurteile habe…“ ist oft das persönliche Resümee.

Ein gelungenes Beispiel ist das Planspiel „Soundcheck“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Dabei gehen die Jugendlichen in einem Rollenspiel im geschützten Raum der Frage nach, wie man Rechtsextremismus gegenübertritt, wenn er einem in der „realen“ Welt begegnet. Simuliert wird die Situation, dass eine Band beim Schülerbandfestival auftreten will, die seit kurzem mit rechtslastigen Texten und einem verdächtigen Logo in einem Internetportal aufgefallen ist. Die Jugendlichen simulieren eine Schülerratssitzung, an deren Ende eine Entscheidung darüber steht, ob die Band auftreten darf oder nicht. Die Teilnehmenden schlüpfen dafür in unterschiedliche Rollen, vom Bandmitglied über einen Fan der Band bis hin zu einer strikten Gegnerin des Auftritts.

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