Blick über den Tellerrand: Jugendliche in Kirgisistan

Wie ticken eigentlich Jugendliche in Kirgisistan? Das wollten das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wissen und beauftragten das SINUS-Institut mit einer entsprechenden Studie. In Kooperation mit dem kirgisischen Forschungsinstitut EL-PIKIR Centre of Public Opinion Study and Forecasting führte SINUS 56 Lebensweltexplorationen und 8 Fokusgruppen mit Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren durch.

Junge Menschen zwischen 14 und 28 Jahren machen in Kirgisistan rund ein Drittel der Bevölkerung aus und sind besonders von den wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten des Landes betroffen. „Sie sind mit Arbeitslosigkeit, Armut und einem mangelhaften Bildungs- und Ausbildungssystem konfrontiert. Sie finden kaum Möglichkeiten, am wirtschaftlichen Leben teilzuhaben, sich politisch und sozial zu beteiligen und ihre Rechte durchzusetzen. Viele haben weder die Mittel noch die Fähigkeiten, ihre Situation zu verändern.“ (Quelle: BMZ)

Aufgrund dieser Situation ist es umso wichtiger, dass die Einstellungen, Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen der jungen Menschen beim Aufbau einer nachhaltigen Jugendarbeit berücksichtigt werden. Dabei zeigen die im April 2015 erschienenen Studienergebnisse, dass Jugendliche in Kirgisistan in vielen Punkten durchaus anders ticken als Jugendliche in Deutschland, hier drei Beispiele:

Tendenziell steht in Kirgisistan die Gemeinschaft über dem Individuum, so dass auch für junge Menschen gemeinschaftsorientierte sowie Pflicht- und Akzeptanzwerte große Bedeutung haben. Das Wertespektrum wird allerdings vor allem in urbanen Zentren durch ein wachsendes Bedürfnis nach Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung erweitert.

In puncto Freizeitgestaltung und –aktivitäten deuten die Forschungsbefunde darauf hin, dass diese nicht zu Abgrenzungszwecken genutzt werden. Die meisten jungen Kirgisen und Kirgisinnen haben kein Bedürfnis, sich in dieser Hinsicht von anderen abzuheben oder eine bestimmte Subgruppenzugehörigkeit zu demonstrieren, da „Abweichung von der Norm“ allgemein nicht favorisiert wird. So dient auch Musik vor allem der Entspannung, weniger der soziokulturellen Differenzierung. Nur eine Minderheit sieht darin einen Weg, Individualität zu demonstrieren – was wiederum von der Mehrheit der jungen Kirgisen und Kirgisinnen mit Zurückhaltung und Skepsis betrachtet wird.

Junge Kirgisen und Kirgisinnen haben laut eigener Aussage nur sehr wenige wirklich enge Freunde, denen sie sich auch in sensiblen Angelegenheiten anvertrauen und auf die sie sich emotional verlassen. Daher sind die Themen, die man mit den meisten Freunden diskutiert, eher selten vertraulich. Gespräche über „heikle“ Themen wie Liebe, Sexualität und Probleme in der Familie werden zumeist vermieden. Man verbringt auch eher nur begrenzte Zeit in seiner Peer Group. Schule, Studium oder Familienangelegenheiten kommen an erster Stelle.

Eine Zusammenfassung der Studienergebnisse zu Werten und Prinzipien, Freizeit und Freizeitgestaltung, Zukunftserwartungen sowie den Einstellungen junger Kirgisinnen und Kirgisen zu Familie und Freunden, Rollenbildern und Geschlechtsidentität, Politik, Religion und Glaube, Toleranz und Akzeptanz, Jugendarbeit gibt es auf der Website der GIZ zum Download. Die Studie war Teil des Vorhabens „Perspektiven für die Jugend“, das die GIZ vor Ort zusammen mit dem Ministerium für Arbeit, Migration und Jugend der Kirgisischen Republik umsetzt.

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