„Andrej ist anders und Selma liebt Sandra“

Dr. Jochen Kramer, Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg e.V.

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in Einrichtungen wie schwul-lesbischen Zentren und Beratungsstellen im Großraum Stuttgart merklich unterrepräsentiert. Wenn sie aus Familien oder Communities konservativ-traditioneller und stark religiöser Herkunftsländer kommen, haben sie oft große Schwierigkeiten damit, ihre sexuelle Orientierung oder Neigung zu leben oder ihre geschlechtliche Identität zu finden, ohne einen Bruch mit ihrer Familie und mit ihrem persönlichen Umfeld zu riskieren.  

Das im Oktober 2015 gestartete Projekt „Kultursensible sexuelle Orientierung – ‚Andrej ist anders und Selma liebt Sandra‘“ nimmt dieses Dilemma genau in den Blick und will zunächst besser verstehen, wie es den betroffenen LSBTTIQ-Jugendlichen (lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell-queer) zwischen 14 und 27 Jahren geht. Im Fokus stehen aber auch deren Umfelder und die Frage, welche konkreten Vorbehalte und Ängste in den jeweiligen Communities herrschen, welche Erfahrungen im Umgang mit den Jugendlichen gemacht werden und auch, wie sie unterstützt werden. Im nächsten Schritt will das Projekt dann ganz konkrete Konzepte erarbeiten, um die Situation der Betroffenen zu verbessern.

Zu den großen Einwanderung-Communities mit konservativ-traditionellem und stark religiösem Hintergrund im Großraum Stuttgart gehören die türkischen Communities, aber auch Einwanderungsgruppen aus Russland, den baltischen Staaten, den Balkanländern oder Nordafrika. Träger des Projekts ist Türkische Gemeinde Baden-Württemberg (TGBW) in Kooperation mit dem schwul-lesbischen Zentrum Weissenburg/IHS (Initiative Homosexualität Stuttgart), ein ganzes Netz von weiteren Partnern unterstützen bei der Durchführung. „Wir sind ein sehr buntes Team“, erklärt Projektkoordinator Jochen Kramer, „eine vielfältige Mischung im Hinblick auf Alter, Migrationshintergründe und sexuelle Orientierung“.

Dem promovierten Psychologen liegt viel an der defensiven Grundhaltung, mit der er und sein Team die Gespräche angehen wollen. „Erst einmal gucken, was überhaupt Sache ist und nicht gleich losstürmen und intervenieren wollen“, erklärt er. Etwas vom Gegenüber lernen zu wollen, sei dabei Basis für eine konstruktive Diskussion. „Ob sich westliche Ideen wie die, dass ein Outing immer Teil der sexuellen Identitätsfindung sein muss, immer als passend erweisen, werden wir dann sehen.“

Ein weiterer wichtiger Vorsatz für das Projekt ist es, Schubladendenken aufzuweichen, wie es etwa im Kontext der Vorfälle aus der Silvesternacht in Köln deutlich wurde und wird. „Das Gute an der Köln-Debatte ist, dass überhaupt wieder über sexualisierte Gewalt und Rollenverständnisse geredet wird“, meint Kramer, „das Schlechte ist, dass richtiges und falsches Handeln – wie so oft – einzelnen Gruppen zugeordnet wird“. Im Gegensatz dazu soll im Projekt auch die Heterogenität innerhalb der kulturellen und religiösen Gruppierungen beachtet werden, denn die herrscht unter Christen ebenso wie unter Muslimen oder auch innerhalb der LSBTTIQ-Communities. „Starre Kategorien helfen uns nicht weiter, denn sie sind ja oft genau das, was den jungen Menschen, um die es uns geht, das Leben so schwer macht“, so der Projektkoordinator. „Will ich jetzt Moslem sein oder schwul? Geht das überhaupt beides und wenn ja, wie soll es zusammen passen?“ Das seien genau die Fragen, die auch innerhalb der Communities bisher oft nicht konstruktiv und offen diskutiert würden.

Für das Ziel, solche Diskussionen anzustoßen und dabei auch Werte und Wertvorstellungen zu hinterfragen, ist der Psychologe optimistisch: „Wenn man genau hinschaut, ist ja so ein Wertegerüst ohnehin nie ganz statisch. Auch innerhalb der Kulturen und Religionen finden Wertediskussionen im Spektrum zwischen liberal und fundamentalistisch statt. Und selbst der Einzelne findet sich gelegentlich in ethischen Dilemmata wieder, weil er verschiedene Werte vertritt, die in ganz konkreten Situationen einander gegenüber stehen und scheinbar nicht vereinbar sind.“

Blog-Archiv chronologisch